weltverbesserer Wissen Die Kraft der Wissenschaft – und warum es okay ist, wenn Experten sich widersprechen

Die Kraft der Wissenschaft – und warum es okay ist, wenn Experten sich widersprechen

Foto: CCo Public Domain / Unsplash - Andrii Leonov

Nicht immer sind sich alle Experten einig, das sah man in der Klimakrise, das sah man in der Corona-Krise und jetzt bei den Lockerungen. Stimmt mit denen vielleicht was nicht? Oder liegt der Fehler möglicherweise bei uns, die wir gerne von den Wissenschaftlern gleich die eine, absolute Wahrheit einfordern?

Fragt man zwei Experten, kriegt man am Ende drei Meinungen. So oder so ähnlich kursiert das geflügelte Wort zum Beispiel über Juristen, aber auch über andere Berufsstände.

Wer in Sachen Corona-Virus und wie wir damit umgehen sollten einen Blick in die Medienlandschaft wirft, der wird feststellen: Es gibt noch viel, viel mehr Meinungen, gefühlt steigt ihre Zahl schneller als die der Virus-Experten, die plötzlich in Talkshows, Radios und Podcasts auftauchen. Und was gestern wahr war, ist heute scheinbar falsch.

Stimmt da etwa was nicht? Sollen wir irgendwie manipuliert werden? Ist da womöglich wirklich eine Verschwörung im Gange? Nö. So funktioniert Wissenschaft eben, vor allem in der offenen Gesellschaft. Und das ist auch gut so. Hier 9 Gedanken, die wir dazu vorschlagen:

1. Wahrheit ist ein viel zu schwieriger Begriff

Die Frage nach dem Wesen von Wahrheit „gehört zu den zentralen Themen der Philosophie und der Logik und wird von verschiedenen Theorien unterschiedlich beantwortet“.

Aha. Nun, so steht es eben in Wikipedia und man könnte es kaum klüger formulieren: Was „Wahrheit“ eigentlich sein soll, das ist eben gar nicht so einfach festzulegen. Boshaft gesagt: Die Experten sind sich noch nicht mal beim Thema Wahrheit einig … 

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2. Die Wissenschaft arbeitet nicht mit „Wahrheiten“

Daher arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht mit „Wahrheit“, sondern mit Hypothesen: Das sind Annahmen, an deren Gültigkeit man zwar glaubt (daher stellt man die Hypothesen ja auf), die aber noch nicht erwiesen sind (oder die noch nicht widerlegt wurden).

Solange unsere Hypothesen mit dem übereinstimmen, was wir sehen, sind sie insofern „wahr“, also sie uns praktisch nützen. Zum Beispiel sehen wir: Der Apfel fällt immer nach unten. Wir können die Hypothese aufstellen: Es existiert eine Kraft, die den Apfel hinunterzieht. Heute gehen wir davon aus, dass es „die Erde“ ist, deren Schwerkraft Äpfel aufgrund ihrer Masse anzieht.

Diese Hypothese können wir verifizieren, indem wir es immer wieder ausprobieren: Egal, welchen Apfel wir loslassen – er fällt nach unten. Ja mehr noch: Offenbar fallen eben einfach alle Dinge in Richtung Erde, nicht nur Äpfel. Hypothese: Die Schwerkraft wirkt auf alles, was ein Ding ist. (Heute ist auch folgendes Schulwissen: Der Apfel zieht auch die Erde an. Weil er aber viel kleiner ist, spielt das in der Wirkung eine nur geringe Rolle, daher lässt man es unter den Tisch fallen – obwohl es „wahr“ ist.)

3. Eine Hypothese muss man überprüfen können

„Falsch“ sind Hypothesen dann, wenn wir Dinge beobachten, die unseren Hypothesen widersprechen. Ein (frei erfundenes!) Beispiel: Da drüben fliegen Äpfel nach oben … warum? Und immer nur während der Mittagszeit … warum?

Wissenschaftlich zu denken bedeutet dann, eben nicht von Geistern auszugehen. Oder von der Verschwörung von Wissenschaftlern, die uns die Schwerkraft nur einreden wollen, während wir jetzt die Wahrheit erkannt haben, nämlich dass Äpfel sehr wohl „nach oben fallen“ können.

Zu denken bedeutet dann vielmehr, eine neue Hypothese aufzustellen: Die Erde stößt vielleicht manchmal auch Dinge ab, und das unseren Beobachtungen zufolge offenbar nur zur Mittagszeit! Aber ist diese Hypothese denn „wahr“, also: Lässt sie sich irgendwie bestätigen oder widerlegen?

Ja klar. Indem wir selbst zum Baum gehen und genauer hinschauen. Dann falsifizieren wir mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die These: Unter dem Baum steht nämlich ein Witzbold, der in seiner Mittagspause Äpfel in den Himmel schießt. (Dass sie woanders wieder runterfallen haben wir gar nicht mitbekommen).

Die andere Hypothese (nach der alles nach unten fällt) bleibt also „wahr“, insofern als das wir keine bessere haben. Und damit jetzt wissen, warum sie in Ausnahmefällen „falsch“ zu sein scheint. Sie ist aber nicht falsch, sie ist nur unvollständig, weil wir nichts vom Witzbold wussten, bis wir unterm Baum nachschauten.

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4. Gute Hypothesen sind okay, bis wir bessere haben

Der Philosoph Karl Popper, der sich auch mit der „offenen Gesellschaft“ beschäftigte, machte daraus eine ganze Wissenschaftstheorie und sagte, jetzt echt mal stark vereinfach ausgedrückt: Wir dürfen beliebige Hypothesen aufstellen, wichtig ist nur, dass wir sie irgendwie falsifizieren können.

Also: Alle wissenschaftlichen Hypothesen, sofern sie einigermaßen begründet aufgestellt wurden und nicht frei erfunden sind, dürfen als „wahr“ gelten, solange sie nicht widerlegt wurden.

Wenn wir sie falsifiziert haben, also in der Wirklichkeit auf Dinge gestoßen sind, die der Hypothese widersprechen, dann brauchen wir mit einiger Wahrscheinlichkeit eine neue, eben genauere und umfassendere Hypothese. Eine neue Hypothese, die mit der Wirklichkeit in mehr Punkten übereinstimmt als die alte. Aber eben erst dann. Und bis dahin tut es die alte These.

Anders gesagt: Was wir wissen, wissen wir stets nur solange, bis wir es besser wissen.

5. Alle Hypothesen zu COVID-19 sind extrem jung

Und damit sind wir mitten in der Corona-Krise, die ja auch eine Wahrheitskrise zu sein scheint. Wir können zahlreiche Experten und Expertinnen wahrnehmen – aber sie scheinen nicht einer Meinung zu sein. Warum? Taugen die etwa alle nix?

Ja und nein. Es sind Experten für Viren, Epidemien und so weiter. Für COVID-19 gibt es aber niemandem, der mehr als ein halbes Jahr Erfahrung hat, weil wir diesen Virus ja überhaupt erst seit 6 Monaten kennen. Und mit „wir“ sind dabei ja nicht wir alle samt Universitäten und anderen Institutionen der Wissensvermittlung gemeint, sondern anfangs erst mal die Menschen in Wuhan.

Denn, zur Erinnerung: Erst am 24. Januar wurde COVID-19 erstmals in der EU festgestellt. Die „Wahrheit“ ist also eher die: Es gibt eigentlich so gut wie nichts, mit dem wir so wenig Erfahrung haben wie mit COVID-19. Das sollte uns nicht entmutigen: Als offene Gesellschaft können wir auf solche Herausforderungen reagieren und die dafür ausgebildeten Experten ins Rennen schicken, damit die das Problem für uns erforschen, verstehen und hoffentlich lösen.

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6. Wir „irren“ uns nicht, wir „lernen“

Am 31. Januar 2020 stellt die EU 10 Mio. Euro für die Erforschung des Virus bereit (Quelle EU). Am 28. Februar 2020 wurde die Summe auf solide 232 Millionen Euro erhöht. Das bedeutet: Innerhalb eines Monats hat man in der EU gelernt, dass das Problem wichtiger ist als angenommen.

Und wir haben uns immer weiter auf die neue Situation eingestellt. Am 3. Mai sagte die EU, man wolle 7,5 Milliarden für Corona-Forschung einsammeln. Offenbar hat man nach weiteren zwei Monaten festgestellt, dass das Problem doch noch viel größer ist, als ursprünglich angenommen.

Natürlich kann man nun darauf herumreiten, dass man im Januar und im Februar „falsch“ gelegen habe, sich „geirrt“ hätte in der Einschätzung der Epidemie. Aber viel klüger wäre es doch, zur Abwechslung mal darauf herumzureiten, dass wir nicht einfach den Kopf in den Sand gesteckt haben, um das Problem zu ignorieren. Sondern, dass wir unsere Maßnahmen unseren verbesserten Hypothesen angepasst haben. „Falsch“ handelt nur, wer aus Fehlern nicht lernt und nichts tut, obwohl Handlungsbedarf besteht.

7. Die offene Gesellschaft sucht nach Wahrheit

Wir fassen zusammen: Alle Dinge, die zu COVID-19 gesagt wurden und weiterhin gesagt werden, sind erst mal Hypothesen. Wenn Experten sie äußern, dann beruhen sie immerhin auf deren Erfahrungen mit anderen Viren, auf aktueller Forschung zu diesem einen Virus und auf dem System Wissenschaft, dass es gewohnt ist, solange an Hypothesen zu feilen, bis sie maximale Übereinstimmung mit der Wirklichkeit erreichen und dann im Idealfall von größtmöglichem Nutzen für die Gemeinschaft sind. Wenn Stammtischler und Aluhüte wilde Vermutungen äußern, beruhen diese auf gar Nichts außer darauf, irgendwie schlauer sein zu wollen als „die da“. Das ist beim Fußball okay. Bei Pandemien nicht.

Wenn das Robert-Koch-Institut, wie geschehen, am 22. Januar 2020 verlauten lässt, dass das Gesundheitsrisiko „eher gering“ sei (Quelle), und dann später seine Meinung revidiert, ist das kein Zeichen dafür, dass eine Verschwörung im Gange ist (wie gerne mal behauptet wird), sondern dafür, dass man damals weniger wusste als man heute weiß – und daher die alten Hypothesen fallen gelassen hat. Daran ist nichts verdächtig – es wäre verdächtig, wenn das nicht passiert wäre.

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8. In der offenen Gesellschaft gibt es viele Interessen

Doch zurück zu uns: Warum scheinen hier jeder Experte und jede Expertin was anderes zu sagen. Warum scheint in der Zeitung etwas anderes zu stehen? Warum scheinen jeder Politiker und jede Politikerin in eine andere Richtung zu gehen?

Die Gründe sind vielschichtig. Experten sind unterschiedlicher Meinung, weil es sie unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen sind, auch da gibt es vorsichtige und risikofreudige Menschen. Auch Zeitungen haben verschiedene Standpunkte, und auch dort arbeiten Menschen mit vorgefassten Meinungen, auch wenn sich viele bemühen, neutral zu arbeiten. Und während Epidemiologen Fragen vor allem aus epidemiologischer Sicht beantworten (müssen, denn damit kennen sie sich aus), müssen Politiker auch noch gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen abwägen, während Unternehmer völlig zu Recht für ihre Unternehmen und ihre Mitarbeiter streiten, falls diese substantiell bedroht sind.

Was „richtig“ oder „falsch“ ist, das ist am Ende auch von all diesen einzelnen Faktoren abhängig und wird natürlich von Interessensvertretern aus ihrer jeweiligen Sicht bewertet. Das ist gelebte Demokratie und das ist gut – auch wenn es uns nervt, weil es eben die eine Sache nicht bieten kann: Die leicht verständliche absolute Wahrheit und Gewissheit, die für alle Gültigkeit hat, und das auch noch in alle Ewigkeit.

9. Die offene Gesellschaft diskutiert die Wahrheit, ohne sich mit Mord zu drohen

In der offenen Gesellschaft dürften die einen anderer Meinung sein als die Anderen. Die rote Linie ist überschritten, wenn Virologen tatsächlich Morddrohungen erhalten. Das ist kein Mittel der offenen Diskussion, das ist kriminell. Und wofür werden sie bedroht? Dafür, dass sie uns Fakten nennen und die Empfehlungen geben, um die wir bitten? Das ist so, als würde ein Dorf feststellen, dass der Dorfbrunnen giftig ist – und dann den Dorfdoktor bedrohen, weil der die Dörfler davor warnt, daraus zu trinken.

Nun ist das aber nur ein Faktor, zu dem sich viele andere gesellen: Die Politik will schnelle Lösungen, die Wirtschaft will weitermachen, die Menschen wollen wieder normal arbeiten, leben und sich vergnügen können. Bildhaft gesprochen zerren Hunderte an den Ärmeln der Experten (und Politiker), die das Problem gerade erst einige Monate lang kennenlernen konnten – was für eine vom Himmel gefallene Wahrheit erwarten wir uns eigentlich?

Wer ernsthaft die Hypothese aufstellt, dass die Politiker weltweit freiwillig ihre Volkswirtschaften herunterfahren und Wissenschaftler sich freiwillig Morddrohungen aussetzen, statt locker zu sagen.

„Nee, macht ruhig weiter wie üblich, wird schon nichts passieren“, der hat scheinbar den Ernst der Lage nicht verstanden oder nimmt es schlichtweg auf die zu leichte Schulter.

Jeder sollte lieber dankbar sein, dass wir eben in einer offenen Gesellschaft leben, wo die fragwürdigste, von eigenen Begierden getriebene Eigenmeinung ebenso geäußert werden kann, wie die von Experten, die sich wirklich mit der Sache auseinandersetzen – und die wahrscheinlich auch gerne mal wieder in den Urlaub fahren würden.

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