weltverbesserer Machen Marcella Hansch: „Wenn wir Plastik nicht mehr kaufen, wird es nicht mehr produziert“

Marcella Hansch: „Wenn wir Plastik nicht mehr kaufen, wird es nicht mehr produziert“

Ein schwimmender Kamm gegen Plastikmüll im Meer? Das klang nach einer verrückten Idee. Doch der Kamm wird jetzt Realität – und zwar für Flüsse: Denn Marcella Hansch hält an ihrem Projekt „Pacific Garbage Screening“ fest und erklärt im Interview, das sich so die Plastikverschmutzung im Meer noch besser bekämpfen lässt.

Das Prinzip des Pacific Garbage Screening: eine Plattform, die mittels eines Kanalsystems das Wasser so beruhigt, dass Plastik und sogar Mikroplastik leicht aus dem Wasser geholt werden können. Das Projekt geht zurück auf eine Uni-Abschlussarbeit der Architektin Marcella Hansch, das sich inzwischen aber stark verändert hat. Die Weltverbesserer sprachen mit ihr.

Marcella, ist es ok, wenn wir dich als „Weltverbesserin“ bezeichnen?

Ja klar, ich fühle mich geehrt, wenn ihr das macht. ? Weil das genau mein Ziel ist: Ich möchte die Welt ein Stück besser machen.

Welche Idee steckt hinter dem Pacific Garbage Screening?

Wir wollen die Meere vom Plastik befreien – und zwar mit Technologie, Bildung und durch Bewusstseinsschaffung. Wir wollen nicht nur Plastik aus den Gewässern holen, sondern es auch nachhaltig verwerten. Und wir wollen dafür sorgen, dass kein weiteres Plastik in die Umwelt gelangt.

Welche Meilensteine hat das Pacific Garbage Screening bereits erreicht?

Wir sind vor allem gewachsen. Aus einem Haufen ehrenamtlicher Studenten ist inzwischen ein in Vollzeit arbeitendes Kernteam geworden, das die verschiedenen Projekte vorantreibt und die verschiedenen Kampagnen betreut. 

Es sind jetzt 15 Personen, die konstant am Pacific Garbage Screening und damit verbundenen Projekten arbeiten. Davon sieben Mitarbeiter in Vollzeit, drei in Teilzeit und fünf studentische Hilfskräfte. Hinzu kommen Externe und Partner, aber auch ein paar Ehrenamtliche.

Aber nagle mich bitte auf die Zahlen nicht fest, da passiert gerade ganz viel und das kann sich schnell ändern.

Woran arbeitet ihr denn derzeit?

Zunächst hatte uns die Crowdfunding-Kampagne 2019 ja die Möglichkeit gegeben, endlich mal loszulegen. Wir haben danach unglaubliche viele Partnerschaften geschlossen, etwa gerade im Forschungsbereich, was wir oft nicht gleich kommunizieren durften.

Wir haben den Bereich Umweltbildung ins Leben gerufen, wo wir viel für Schulen machen. Wir waren unglaublich viel unterwegs. Und ich als Gesicht des Projektes habe natürlich viele Vorträge gehalten, um Partner und Unterstützer zu finden.

Das Meer zu schützen ist der größte Traum von Marcella Hansch. Daher steckt die Architektin all ihre Energie in ihr Projekt Pacific Garbage Screening, das Makro- und Mikroplastik aus Ozean und Flüssen fischen soll.
Das Meer zu schützen ist der größte Traum von Marcella Hansch. Daher steckt die Architektin all ihre Energie in ihr Projekt Pacific Garbage Screening, das Makro- und Mikroplastik aus Ozean und Flüssen fischen soll.

Ende letzten Jahres haben wir die erste Vorstufe unseres Prototypen getestet, also einen Primotypen, und waren damit sehr zufrieden. Den ersten Prototypen wollen wir dieses Jahr schaffen, und der wird dann auch wirklich ins Wasser gehen. Unsere Vorversuche waren bislang alle sehr erfolgreich, also wirklich richtig gut.

Die meisten Medienberichte stellen euch ja als eine Art Kamm dar, der durchs Meer fährt und es sauber macht …

So in etwa sah die ursprüngliche Idee ja auch aus. Aber im Laufe der Entwicklung haben wir festgestellt, dass wir viel früher ansetzen müssen, nicht erst am Ende, im Ozean.

Uns ist einfach klar geworden: Wenn wir wirklich einen Impact haben wollen, dann müssen wir näher an die Quelle des Problems ran. Bildlich gesprochen: Wenn die Badewanne überläuft, dann wischt du ja auch nicht als erstes den Boden trocken – sondern du drehst den Wasserhahn zu.

Deswegen sind wir schon vor eineinhalb Jahren dazu übergegangen, die Technologie auf Flüsse umzustellen …

… also meinst du jetzt klassische Binnenflüsse wie meist bei uns, oder Flüsse, die in Meere münden?

Beides. Wir wollen da maximal flexibel sein. Es gibt ja bereits einige Lösungen, um Plastik aus den Flüssen zu fischen, aber die können bislang oft nur punktuell eingesetzt werden. Unsere Lösung sollte deswegen maximal anpassbar sein, also nicht so ein High-Tech-System, das nur dann funktioniert, wenn eine zwanzigköpfige Crew das betreibt. 

Wir wollen ein einfaches und modulares System schaffen, dass man für jeden Fluß einfach anpassen kann. Die Module dafür entwickeln wir gerade, sie funktionieren zum Teil schon sehr gut.

Auf der anderen Seite hat uns der Wechsel des Fokus auf Flüsse natürlich auch etwas zurückgeworfen. Meere weisen andere Bedingungen auf als Flüsse, also Fließgeschwindigkeiten, Süß- statt Salzwasser, Schiffsverkehr, andere Verschmutzungsgrade …

Der Fokus auf Flüsse und Mündungen hat aber den Vorteil, dass wir viel früher ansetzen können. Wir fangen den ganzen Müll schon ab, noch ehe er sich auf den Weg zum Meer machen kann. Das reduziert die Zeit, die Kunststoffe schädlich auf die Umgebung einwirken können. Und wir können die Kunststoffe dann besser verwerten, weil sie sich noch nicht so stark zerrieben und zerkleinert haben. 

Diese ganzen Vorteile haben uns, auch nach Rücksprache mit vielen Meeresbiologen und Experten, dazu gebracht, das System auf Flüsse zu switchen. Es ist also nicht so, dass wir die Meere nicht mehr reinigen wollen. Nur wird der jetzige Ansatz an den Flüssen das viel effizienter tun als der ursprüngliche im Meer.

Und natürlich wollen wir das nicht nur in einem Fluss einsetzen, sondern weltweit in möglichst vielen Flüssen. Auch deswegen setzen wir hier auf eine modulare Low-Tech-Lösung, weil vor allem jene Länder, die besonders betroffen sind, sich keine millionenschweren Lösungen leisten können.

Du sprachst vorhin von Bildungsarbeit. Führt das nicht vom Projekt weg?

Unser Fokus bleibt weiterhin die Plattform in der auf Flüsse adaptierten Version. Es ist nur so, dass wir an vielen Feedbacks gemerkt haben, dass einige Leute sich freuen und letztlich sagen: „Super, die holen den Müll raus … dann können wir ja so weitermachen wie bisher…“


Und genau das wollen wir eben nicht. Deswegen ist für uns auch Aufklärungsarbeit ganz, ganz wichtig. Eigentlich wollen wir gar keinen Müll aus Flüssen fischen müssen. Wir wollen, dass Plastik gar nicht erst in Gewässer gelangt. Deswegen haben wir die Bildungsarbeit verstärkt.

Aber nicht nur das. Wir sprechen auch mehr mit der Politik, sind zum Beispiel im EU-Parlament vertreten. Darüber hinaus arbeiten wir an verschiedenen Kooperationen, etwa mit Berky, die betreiben bereits Müllsammelboote für Gewässer. Oder mit Recyclern. Auch mit Unis wie der RWTH Aachen: Da geht es zum Beispiel um Bakterien, die Plastik aufspalten und die Monomere wieder verwertbar machen. Da laufen also ganz viele Projekte parallel an, die alle das gleiche Ziel haben: Plastik aus unseren Gewässern zu kriegen.

Der Weg von der ersten Idee bis hin zur einsatzfähigen Plattform steckt voller Hürden. Aber eine klare Vision treibt die Weltverbesserin Marcella an – und für die lohnt es sich zu kämpfen.
Der Weg von der ersten Idee bis hin zur einsatzfähigen Plattform steckt voller Hürden. Aber eine klare Vision treibt die Weltverbesserin Marcella an – und für die lohnt es sich zu kämpfen.

Trifft euer Anliegen in Politik und Wirtschaft auf offene Ohren?

Das ist zwiespältig. Die Unternehmen sind anders als die Menschen dahinter. Selbst CEOs von Kunststoffproduzenten sind offen und wissen ganz genau, wo das Problem liegt, aber als Unternehmen machen die gleichen Leute halt dicht, weil es um wirtschaftliche Dinge geht.

Im Umfeld des EU-Parlaments finden wir tendenziell Gehör. Aber, und auch das muß man sagen, gerade größere Firmen sind oft schneller als die Politik. Wir haben zum Beispiel seit ein paar Monaten eine Koop mit Grohe. Die wollen Einweg-Plastikverpackungen komplett aus ihrer Produktion verbannen. Eigentlich haben die gar keinen Druck, das zu machen – aber sie wollen es eben.

Die Gründe sind vielfältig, oft auch persönlich. Unternehmen merken zum Beispiel, dass ihre Mitarbeiter verstärkt einfordern, dass man auf solche Dinge achtet. Und das macht wiederum uns Mut, genau da weiterzumachen, also das Bewusstsein für die Plastik-Problematik zu schärfen. Als Verbraucher haben wir ja eine enorme Macht: Wenn wir Plastik nicht mehr kaufen, wird es nicht mehr produziert.

Haben wir in zwei Jahren in jedem Fluss ein System von Pacific Garbage Screening?

Schön wäre das schon. Aber wir können natürlich nicht sofort die ganze Welt bestücken, erst recht nicht im Alleingang. Wir sind auf Partner angewiesen. Und natürlich werden da andere Themen wichtig: Wo geht das? Wo dürfen wir das überhaupt? Was erlauben die jeweiligen Ländergesetze?

Pacific Garbage Screening
Pacific Garbage Screening

Und wo ist es am dringendsten? Zum Beispiel würden wir in Bangkok mehr aus dem Wasser fischen als aus der Elbe. Teile von Asien und Afrika sind stark betroffen, aber bevor wir Deutsche da mit dem Finger hinzeigen: Ein Großteil des Mülls dort ist Deutsch, der kommt direkt von uns! Weil wir unseren Müll ja teilweise zum beispiel nach Malaysia oder Indonesien exportieren, und dort gelangt er über illegale Wege oder Deponien in Flüsse und dann ins Meer.

Eine pauschale Antwort ist also echt schwierig. Teilweise kriegen wir auch Anfragen von Regierungen, ob man schon was bei uns kaufen kann. Aber da sind wir einfach noch nicht soweit. Das Ziel ist aber natürlich, es in den nächsten Jahren weltweit so weit wie möglich einzusetzen.

Kann man aus dem aus dem Wasser gefischten Plastik wirklich etwas machen?

Ja. Und auch deswegen wollen wir da früher ansetzen, also an den Flüssen. Denn je weniger kaputt das Plastik ist, desto besser kann man es verwerten. Aber ganz ehrlich: Die optimale Lösung haben wir da auch noch nicht. Wir sind aber mit vielen Partnern im Gespräch. Zum Beispiel mit Tomra, das ist ein Marktführer in Sachen Sortierung. Denn wir müssen rauskriegen: Was sind das für Kunststoffe, wie kann man die trennen?

Wir arbeiten da auch viel mit KI. Meeresmüll ist da noch schwierig zu erkennen, denn dazu müssten wir ihn besser studieren können. Aber wir kommen hier gar nicht an den Meeres-Müll ran, der nicht aus Deutschland kommt. Wir dürfen nämlich keinen Müll transportieren – das dürfen nur Müllunternehmen. Da stehen wir auch immer wieder vor den Hürden einer immensen Bürokratie.

Was bremst euch denn am meisten aus? Die Wissenschaft? Die Technik? Die Politik?

Wissenschaftlich ist das alles kein Problem. Zeit und Finanzierung schon eher. Wir finanzieren uns ja immer noch aus Spenden und können daher kaum langfristig planen.

Unser größtes Problem aber ist die Bürokratie. Das fängt dann dabei an, dass man eine bestimmte Organisationsform haben muss, um Fördergelder beantragen zu können. Doch um dann mal schnell eben ein Startup zu gründen muß man wiederum andere bürokratische Hürden nehmen. Unterm Strich sind Bürokratie und Finanzierung unsere größten Gegner.

Bereust du schon, dass du das Pacific Garbage Screening gestartet hast?

Nein. Gar nicht.

Klar, zwischendurch denke ich: Es ist alles so langsam, so zäh, die Bürokratie erstickt mich. Aber wenn ich zurückblicke, was wir alles schon erreicht haben, dann bin ich wieder zufrieden und freue mich auf die nächsten Herausforderungen.

Wie kann ich denn als Einzelner das Projekt unterstützen?

Finanziell mit Spenden. Das hilft uns wirklich. Nur mit Spenden halten wir uns über Wasser, und Kleinspenden machen da noch immer den größten Teil aus. Da hilft tatsächlich jede einzelne Spende:

https://www.pacific-garbage-screening.de/unterstuetzen

Und natürlich sollte bitte jeder einzelne seinen Konsum überdenken. Und dafür muß man auch nicht Zero-Waste-Expert/in werden. Das schaffen die meisten von uns wahrscheinlich nicht. 

Aber: Wenn ganz viele Menschen, möglichst alle, ihren Plastikkonsum wenigstens ein bisschen reduzieren würden, dann wäre das viel hilfreicher. Und hier kann jede/r Einzelne von uns im Alltag aktiv werden. Das hilft dann vielleicht nicht uns direkt – aber unserem übergeordneten Ziel hilft es: weniger Plastik in den Meeren.

Danke für das Gespräch, Marcella!

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